solitär

mit diesen drei sonaten aus der 2. hälfte des 20. jahrhunderts begegnen wir drei sehr unterschiedlichen und sehr eigenständigen werken. jedes ist in seiner musikalischen ausdrucksform ein solitär mit vielen facetten.

die drei komponisten stehen in einem bezug zueinander: prokofiew, der russe, inspirierte schnittke, den deutschstämmigen russen, der eine verbindungsrolle innehat zwischen ost und west, britten wiederum wird als westlicher komponist von russischer musik inspiriert.

sergej prokofjew
1891–1953
sonate op.119 c-dur
für violoncello und klavier
- andante grave
- moderato
- allegro, ma non troppo
benjamin britten
1913 - 1976
sonata in c-dur op.65
- dialogo
- scherzo-pizzicato
- elegia
- marcia
- moto perpetuo
alfred schnittke
1934 - 1998
cello sonata no 1
- Largo
- Presto
- Largo

s. prokofjew schrieb die sonate op. 119 im jahr 1949.
revolution, resolutionen, reglementierungen und ideologien: in deren konfliktgeladenen spannungsfeldern befanden sich die damaligen russischen komponisten. prokofjew hat sich nach seiner rückkehr aus dem exil 1933 der musikalischen ideologie des sowjetregimes untergeordnet und sich von seinem „westlichen barbarismus“, zu gunsten eines romantischen stils seiner frühen jugend, abgekehrt.
prokofjew verstand es, jegliche gefühle von argwohn und angst vor unterdrückung aus dieser sonate herauszuhalten. die atmosphäre ist lyrisch-romantisch und ab und zu sogar vom geiste haydns durchzogen, den prokofjew besonders verehrte.

trotz ihres titels erinnert brittens sonate mit ihren fünf sätzen eher an eine suite. die musik erscheint oft leichtfüssig hingeworfen, dann wieder parodistisch mit beissendem spott gepaart, unterbrochen durch elegische ruhige momente. britten verband eine tiefe freundschaft zu schostakowitsch, von dessen werk er stark beeindruckt war und er sehr bewunderte. die cellosonate zeugt von der beeinflussung schostakowitsch’s – unverkennbar im marsch mit seiner grotesken überzeichnung.

schnittke ist von seiner herkunft wie auch von seiner ausbildung her ein gratwanderer zwischen ost und west. er hält eine art stilistische brückenposition inne: kreisen seine kompositionen und musiktheoretischen arbeiten einerseits um die großen russischen leitfiguren strawinsky, prokofjew und schostakowitsch, so finden sich mit mozart, mahler, webern und b. a. zimmermann gleichstarke beziehungen zur "deutschen musik" mit all ihren traditionen, die in stilistischer hinsicht in vielen seiner werke aufgegriffen wird.
in der 1. violoncellosonate isoliert schnittke zwei der einfachsten grundelemente tonaler musik – die dur- und mollterz und die vollständige kadenz – und setzt sie einer extremen erweiterung aus. im einleitenden largo führt das zu einer sanft melancholischen stimmung, die zwischen c-dur und c-moll schwankt und zu schweben scheint. diesem schweben lässt schnittke ein furioses scherzo folgen. dieser satz ist ein aus strengen kontrapunktlinien konstruiertes wirbelndes presto.. die musik bewegt sich mit extremer intensität am abgrund zum absurden.
die gleiche verzweifelte intensität wird auch im schlusssatz spürbar. starrsinniges halbtonschaukeln und schmerzliche übergrosse melodische sprünge, motivische erinnerung an den ersten und zweiten satz, schaffen ein gefühl des wanderns durch eine ehemals schöne landschaft, die nun verödet ist.

barbara gasser, danielle witschi
bild: urs kohler

barbara gasser und danielle witschi bilden seit 2005 ein duo, das sich vorwiegend der musikliteratur des 20. jahrhunderts widmet.
thematische aspekte bestimmen die werkwahl - neugier, spielfreude, entdeckerlust sind die treibende kraft bei der entwicklung ihrer programme russische begegnung, gegensichten, america! america!, color, solitär...

barbara gasser studierte cello bei conradin brotbek in biel und bei marc jaermann in lausanne. 2002 schloss sie ihre studien mit dem konzertdiplom ab. heute bewegt sie sich mit unterschiedlichen kammermusikformationen in sehr verschiedenen musikstilen: improvisationen, canzoni italiane, musiktheater und klassische programme. in soloprogrammen widmet sie sich hauptsächlich der zeitgenössischen musik und der verbindung von sprache und musik. der kanton solothurn sprach barbara gasser für ihr viel versprechendes arbeiten den werkjahrbeitrag 2005 zu.

danielle witschi schloss ihr musikstudium in klavier und musikalischer grundschulung ab. musikwissenschaftliche studien, studien in improvisation und zeitgenössischer musik sowie kammermusikstudien runden ihre ausbildung ab, die sie in zürich, basel, bern, biel, schweden und ungarn erhielt. ihre aktivitäten umfassen kammermusikprojekte, soloprogramme mit schwerpunkt zeitgenössische und experimentelle musik, kompositionen und improvisationen zu projekten in den bereichen tanz, musik-theater, film, bildende kunst, text.

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cello